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Medizin & Prävention

28 oder 8.500? Was als Hitzetod zählt

Die amtliche Statistik erfasst unmittelbare Hitzetode, das Robert Koch-Institut modelliert den Einfluss hoher Temperaturen. Der Harvesting-Effekt erklärt einen Teil der Differenz – aber er lässt die tödliche Belastung nicht verschwinden.

Für 2018 stehen zwei Zahlen nebeneinander: 28 und rund 8.500. Die amtliche Todesursachenstatistik registrierte 28 Fälle, in denen Hitze unmittelbar zum Tod geführt hatte. Das Robert Koch-Institut schätzt für dasselbe Jahr dagegen rund 8.500 hitzebedingte Todesfälle. Der Abstand zeigt keinen Rechenfehler, sondern zwei grundsätzlich verschiedene Arten des Zählens.

In der Todesursachenstatistik erscheint Hitze vergleichsweise selten als unmittelbare Ursache. Häufig wirkt sie mit Vorerkrankungen zusammen. Dann kann die bestehende gesundheitliche Gefährdung den dokumentierten Fall prägen, obwohl die hohe Temperatur zum Tod beigetragen hat. Aus den Todesbescheinigungen allein lässt sich die Zahl der Hitzetoten deshalb nicht ablesen.

Die Zahl ist keine Namensliste

Das Robert Koch-Institut berechnet stattdessen vereinfacht, wie viele Menschen unter den beobachteten Temperaturen starben und wie viele Todesfälle ohne die Hitze zu erwarten gewesen wären. Die Differenz ist die geschätzte Zahl hitzebedingter Sterbefälle. Sie beschreibt den Effekt der Hitze auf die Bevölkerung, ordnet aber nicht nachträglich einzelnen Verstorbenen eine Todesursache zu.

Auch mit der Übersterblichkeit ist dieser Wert nicht gleichzusetzen. Übersterblichkeit bezeichnet zusätzliche Todesfälle gegenüber dem erwarteten Verlauf in einem bestimmten Zeitraum. Die Modellierung hitzebedingter Todesfälle vergleicht dagegen gezielt einen Verlauf mit Hitze mit einem angenommenen Verlauf ohne diese Belastung. Beide Größen können sich überschneiden, müssen es aber nicht.

Wenn der Ausschlag später zurückgeht

Nach einer schweren Hitzeepisode kann die Sterblichkeit zunächst unter den erwarteten Wert sinken. Die Weltgesundheitsorganisation bezeichnet diesen Effekt als „Harvesting“, also als Vorverlagerung von Sterbefällen. Einige Menschen aus einer bereits hoch gefährdeten Gruppe sterben während der Hitze früher, als sie ohne diese Belastung gestorben wären. Danach ist diese Gruppe vorübergehend kleiner.

Doch der anschließende Rückgang ist keine vollständige Rückbuchung der Todesfälle. Nach Darstellung der Weltgesundheitsorganisation kann Hitze zugleich weitere Menschen aus der allgemeinen Bevölkerung in einen gesundheitlichen Hochrisikozustand bringen. Eine spätere Untersterblichkeit beweist daher nicht, dass der gesamte Ausschlag während der Hitze nur zeitlich verschoben war.

Wie groß der vorverlagerte Anteil ist, lässt sich nicht pauschal bestimmen. Eine belgische Untersuchung schätzte ihn für eine untersuchte Hitzewelle auf 15 Prozent der Übersterblichkeit; andere Untersuchungen ergeben kein einheitliches Bild. Die Ergebnisse hängen unter anderem davon ab, ob einzelne Hitzewellen oder allgemein höhere Temperaturen betrachtet werden, wie lange mögliche Verzögerungen einbezogen werden und wie gesund die betroffene Bevölkerung zuvor war.

Vorverlagert ist nicht folgenlos

Für die Altenpflege wird aus dieser statistischen Unterscheidung eine praktische Frage. Ältere Menschen, Menschen mit chronischen Erkrankungen oder Behinderungen sowie pflegebedürftige und multimorbide Personen gehören zu den besonders gefährdeten Gruppen. Bei ihnen kann Hitze einen ohnehin fragilen Gesundheitszustand entscheidend verschärfen.

Harvesting macht einen solchen Todesfall nicht folgenlos. Wird er durch Hitze zeitlich vorverlagert, wäre er ohne die hohe Temperatur zu diesem Zeitpunkt nicht eingetreten. Zugleich erlauben die unterschiedlichen Untersuchungsergebnisse nicht, sämtliche geschätzten Hitzetoten zu Menschen zu erklären, die ohnehin nur noch sehr kurze Zeit gelebt hätten.

Die Zahl der Hitzetoten ist daher weder eine exakte Liste identifizierter Opfer noch eine statistische Fiktion. Sie beziffert die geschätzte zusätzliche tödliche Belastung durch hohe Temperaturen. Der Harvesting-Effekt zeigt, dass diese Belastung besonders verletzliche Menschen treffen kann – er rechnet sie nicht aus der Bilanz heraus.

Quellen und weiterführende Informationen

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