altenpflege.de / magazin

Nachrichten aus Pflege, Politik und Praxis

Pflegepraxis, Hintergrund

Reablement ist kein belegtes Sparmodell – aber mehr als Beratung

Dänemark setzt bei Unterstützungsbedarf auf befristetes Training im Alltag. Für Pflegegrad 1 wäre das ein denkbares Gegenmodell zur Leistungskürzung, doch Wirkung und Kosten sind weniger eindeutig, als die überzeugende Idee vermuten lässt.

Zeichnung: Eine ältere Person gießt sich ruhig Tee ein, während ein vielarmiger Pflegeroboter danebensteht. Eine Therapeutin hat seine Arme mit einem Gymnastikband zurückgebunden und übt mit ihm, nicht sofort einzugreifen.

Acht bis zwölf Wochen: So lange kann ein Trainings- oder Rehabilitationsverlauf in Aarhus dauern. Eine Eigenzahlung fällt für die teilnehmende Person nicht an. Typischerweise arbeiten Betreuungskräfte und Mitarbeitende der häuslichen Pflege mit Therapeutinnen, Therapeuten und Pflegefachpersonen zusammen. Die kommunale Bedarfsermittlung ist organisatorisch von der eigentlichen Leistungserbringung getrennt.

Hinter diesem Reablement genannten Ansatz steckt ein Perspektivwechsel. Unterstützung soll eine Alltagstätigkeit nicht einfach dauerhaft übernehmen, sondern die betroffene Person dabei stärken, sie wieder oder möglichst lange selbst auszuführen. Das macht Reablement für die deutsche Debatte über Pflegegrad 1 interessant: Es bietet eine dritte Möglichkeit zwischen unveränderter Hilfe und ersatzloser Kürzung.

Der wissenschaftliche Nachweis hält mit der Attraktivität des Modells allerdings nicht Schritt. Eine Cochrane-Übersicht bewertete die Evidenz zu den berichteten Wirkungen von Reablement im Vergleich zur üblichen Versorgung insgesamt als sehr niedrig. Die Größe eines möglichen Nutzens blieb deshalb unsicher. Damit lässt sich weder ein verlässlicher Gewinn an Selbstständigkeit beziffern noch behaupten, der Ansatz wirke für jede Person mit Unterstützungsbedarf gleichermaßen.

Vor allem müssen drei Fragen getrennt werden: Wird jemand selbstständiger? Benötigt die Person anschließend weniger Pflegeleistungen? Und sinken dadurch die Gesamtkosten? Ein Erfolg bei alltäglichen Fähigkeiten beantwortet die beiden anderen Fragen noch nicht. Ein zeitlich begrenztes, personalintensives Training kann fachlich sinnvoll sein, ohne kurzfristig Geld zu sparen. Ebenso könnte geringere Leistungsnutzung andere Gründe haben als eine tatsächlich gewachsene Selbstständigkeit.

Für Kostensenkungen durch Reablement fehlt daher ein belastbarer Nachweis. Die Evidenzlücke ist für politische Entscheidungen zentral: Wer Leistungen streicht und künftige Einsparungen durch Aktivierung bereits einplant, behandelt eine offene Frage wie ein gesichertes Ergebnis.

Deutschland beginnt bei dieser Frage nicht bei null. Ein vom Bundesgesundheitsministerium dokumentiertes Modellvorhaben verband fünf mobile Rehabilitationsdienste mit 16 stationären Pflegeeinrichtungen in fünf Bundesländern. Der Abschlussbericht von 2018 kam zu dem Ergebnis, dass mobile geriatrische Rehabilitation bei Bewohnerinnen und Bewohnern sowie Gästen der Kurzzeitpflege eine Verbesserung oder Stabilisierung der gesundheitlichen Situation ermöglichen kann.

Das ist ein wichtiger Machbarkeitsbefund, aber noch keine Blaupause für Pflegegrad 1: Untersucht wurde Rehabilitation in stationären Einrichtungen und der Kurzzeitpflege, nicht ein befristetes Angebot für Menschen mit geringem Hilfebedarf zu Hause. Zielgruppe, Umfeld und Versorgungsstruktur unterscheiden sich zu stark für eine direkte Übertragung.

Näher an rehabilitativer Pflege liegt das Innovationsfondsprojekt SGB Reha. In zwölf Pflegeeinrichtungen wird eine neue therapeutisch-rehabilitative Versorgungsform in einer randomisierten kontrollierten Studie untersucht. Am 8. November 2026 wurde der Abschlussbericht jedoch noch erstellt; belastbare Endergebnisse zu Selbstständigkeit, Leistungsnutzung und Kosten lagen damit nicht vor. Vorläufige Auswertungen eines örtlichen Praxisbeispiels, des Hauses Ruhrgarten in Mülheim an der Ruhr, berichteten zwar geringere Behandlungskosten sowie weniger und kürzere Krankenhausaufenthalte als in Vergleichseinrichtungen. Diese Angaben sind aber noch kein Ergebnis der abgeschlossenen Hauptstudie.

Menschen mit Pflegegrad 1 haben derzeit in der häuslichen Pflege Anspruch auf einen Entlastungsbetrag von bis zu 131 Euro monatlich. Der vom Bundeskabinett beschlossene Entwurf zur Neuordnung der Pflegeversicherung sieht vor, diesen Personenkreis nicht am geplanten Sozialraumbudget zu beteiligen, das den bisherigen Entlastungsbetrag ersetzen soll. Stattdessen nennt das Bundesgesundheitsministerium eine intensivierte Beratung und Begleitung sowie eine stärkere Präventionsorientierung. Der Entwurf ist noch kein geltendes Recht.

Genau hier zeigt der Vergleich mit Dänemark seine Schärfe. Beratung kann einen Bedarf erkennen und Wege aufzeigen. Reablement verlangt darüber hinaus ein konkretes Ziel, ein befristetes Training, multiprofessionelle Leistungserbringung und eine anschließende Bewertung des Ergebnisses. Fehlen diese Bausteine, wird aus einer Kürzung noch kein aktivierendes Versorgungskonzept.

Für Kommunen und ambulante Dienste wäre deshalb nicht nur zu klären, wer berät. Entscheidend wäre, wer das Training erbringt, wie die beteiligten Berufe zusammenarbeiten, wie Fortschritte bewertet werden und aus welchem Budget die Leistung bezahlt wird. Zudem müsste geregelt sein, was geschieht, wenn das vereinbarte Ziel nicht erreicht wird und dauerhafte Unterstützung nötig bleibt.

Das dänische Vorbild rechtfertigt somit weder ein pauschales Sparversprechen noch die Gleichsetzung von Aktivierung und Leistungsentzug. Es zeigt aber eine fachliche Alternative: Hilfen können so organisiert werden, dass Selbstständigkeit zum ausdrücklichen Arbeitsziel wird. Für Pflegegrad 1 wäre das ein erprobungswürdiger Ansatz – vorausgesetzt, Deutschland finanziert ein echtes Angebot und nicht nur die Hoffnung, Beratung werde Pflege ersetzen.

Kommentare (0)

Lesen kann jeder, kommentieren können angemeldete Mitglieder der altenpflege.de. Jeder Kommentar wird vor der Veröffentlichung automatisch geprüft, Links werden entfernt. Bitte beachte die Kommentarrichtlinien.

Zum Kommentieren bitte anmelden oder kostenlos registrieren.

Noch keine Kommentare. Schreibe den ersten.