Alpakas, Meerschweinchen, Schildkröten und ein Besuchshund gehörten zu einem Projekt, das über drei Jahre in einer stationären Einrichtung untersucht wurde. Die Auswertung verwies auf Veränderungen bei Kommunikation, Sozialverhalten, Selbstständigkeit und Mobilität. Solche Beobachtungen erklären die Faszination tiergestützter Angebote. Eine allgemeine oder ursächliche Wirkung bei Menschen mit Demenz beweisen sie jedoch nicht.
Wie groß der Abstand zwischen Eindruck und Nachweis ist, zeigt ein systematischer Review von 2023. Er fand 51 Studien – eine stattliche Zahl, hinter der sich allerdings nur 18 randomisierte Untersuchungen verbargen. Hinzu kamen Kohortenstudien, qualitative Arbeiten und nicht randomisierte Versuche. Die Forschung kann deshalb weit weniger sicher vorhersagen, was ein Tierkontakt bewirkt, als die Gesamtzahl zunächst vermuten lässt.
Wo das Versprechen brüchig wird
Besonders deutlich wird das bei Unruhe, einem häufigen Wirkungsversprechen solcher Angebote. Ein Cochrane-Review von 2019 berücksichtigte neun randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt 305 Menschen mit Demenz. Er fand keinen klaren Effekt tiergestützter Therapie auf Unruhe; die Sicherheit dieser Evidenz wurde als sehr niedrig bewertet. Auch bei der sozialen Funktionsfähigkeit zeigte sich kein eindeutiger Unterschied. Dafür lagen sogar nur Daten aus einer Studie mit 58 Personen vor.
Die S3-Leitlinie Demenzen stützt diese Zurückhaltung. In drei ausgewerteten randomisierten Studien mit 143 Menschen war gegenüber den Kontrollbedingungen kein Vorteil bei Agitation nachgewiesen. Die Leitlinie vergibt keinen positiven Empfehlungsgrad und bewertet die Evidenz zu den betrachteten nichtmedikamentösen Verfahren als niedrig vertrauenswürdig.
Das liegt nicht allein an der geringen Zahl guter Studien. Häufig waren die Stichproben klein, randomisierte Untersuchungen fehlten oder Interventionen und Kontrollbedingungen waren unvollständig beschrieben. Die Metaanalysen des Reviews von 2023 blieben deshalb auf wenige kleine Studien mit Hunden beschränkt. Für andere Tierarten reichte die Grundlage nicht aus. Ein Besuchshund, ein dauerhaft in der Einrichtung gehaltenes Tier und andere tiergestützte Formate lassen sich daher nicht wie ein einheitliches Verfahren bewerten.
Was von der Wirkungserwartung übrig bleibt
Damit werden Tierkontakte nicht wertlos, aber ihr Anspruch verändert sich. Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft nennt Tiere neben Singen, Musizieren, Tanzen, Bewegung und Spaziergängen als mögliches Angebot zur Aktivierung. Zu dieser Einordnung passt die Studienlage: Ein Tierbesuch kann als gezielte Aktivität sinnvoll erscheinen, sollte aber nicht als Behandlung mit zuverlässig erwartbarer Wirkung auf Unruhe oder soziale Fähigkeiten angeboten werden.
Ein verantwortbarer Einsatz muss zudem Bewohner und Tier schützen. Die Region Hannover empfiehlt unter anderem Händewaschen nach dem Kontakt, den Verzicht auf Küsse und den Kontakt mit Exkrementen sowie die regelmäßige Reinigung von Schlafplätzen, Näpfen und Käfigen. Für einen Hund, der zu einer Einrichtung gehört, fordert sie eine Hauptbezugsperson. Das Tierschutzgesetz verlangt außerdem artgerechte Versorgung, Pflege und Unterbringung sowie die notwendige Sachkunde.
Auch die Finanzierung gehört zur ehrlichen Bilanz. Die Johanniter-Seniorenhäuser werben um Spenden, um tierische Betreuungsangebote fortzuführen; ein gemeinnütziger Therapiehof nennt Spenden und Tierpatenschaften als Finanzierungswege. In diesen Fällen hängt der Fortbestand damit auch von freiwilliger Unterstützung ab.
Die Konsequenz ist nicht, Tiere aus der Demenzbetreuung zu verbannen. Sie ist anspruchsvoller: Einrichtungen müssen das Versprechen verkleinern. Ein gelungener Tierkontakt kann eine bedeutsame Aktivität sein. Dass er zuverlässig Symptome lindert, hat die Forschung bislang nicht gezeigt.
