Doch ob Männer diese Hilfen tatsächlich nutzen, lässt sich aus den veröffentlichten Zahlen kaum erkennen.
Wenn die Ehefrau pflegebedürftig wird, verändert sich für viele Männer das ganze Leben. Plötzlich müssen sie Medikamente organisieren, Arzttermine koordinieren, beim Waschen helfen oder nachts aufstehen. Was früher selbstverständlich war, wird zur täglichen Aufgabe.
Unterstützung wäre möglich. Es gibt kostenlose Pflegeberatung, Pflegekurse, Selbsthilfegruppen und finanzierte Entlastungsangebote. Doch wie viele pflegende Männer nehmen diese Hilfen tatsächlich in Anspruch?
Erstaunlicherweise lässt sich diese Frage kaum beantworten.
Mehr als jeder dritte pflegende Angehörige ist männlich
Rund 63 Prozent der pflegenden Angehörigen in Deutschland sind Frauen. Das berichtete der WDR 2026 unter Berufung auf eine Untersuchung der Bertelsmann Stiftung und Prognos. Umgekehrt bedeutet das: Etwa 37 Prozent sind Männer.
Pflege ist also keineswegs ausschließlich Frauensache.
Allerdings unterscheiden sich die Lebenssituationen. Frauen übernehmen häufiger zeitintensive Pflegeaufgaben und wenden dafür einer Untersuchung zufolge durchschnittlich sechs Stunden pro Woche mehr auf als Männer.
Männer pflegen dagegen häufiger im höheren Alter ihre Partnerinnen. Für sie beginnt die Pflegeverantwortung damit nicht selten in einer Lebensphase, in der auch die eigene Gesundheit und Belastbarkeit nachlassen können.
Wie erheblich die Belastung sein kann, zeigt der Deutsche Alterssurvey. Unter den pflegenden Männern zwischen 70 und 85 Jahren bezeichneten sich 27,3 Prozent als stark belastet. Bei den Frauen derselben Altersgruppe waren es sogar 40,5 Prozent.
Die Zahlen zeigen: Frauen tragen im Durchschnitt eine größere Pflegelast. Doch auch für viele Männer wird die Versorgung eines Angehörigen zur erheblichen körperlichen und seelischen Herausforderung.
Die Hilfe ist da – aber wer nimmt sie an?
An Unterstützungsangeboten mangelt es grundsätzlich nicht.
In einer repräsentativen Befragung des Zentrums für Qualität in der Pflege unter mehr als 900 informell Pflegenden gaben 42 Prozent an, bereits eine kostenlose Pflegeberatung genutzt zu haben. Acht Prozent hatten einen kostenlosen Pflegekurs besucht, 30 Prozent den damals geltenden monatlichen Entlastungsbetrag in Anspruch genommen.
Doch die entscheidende Information fehlt: Wie viele dieser Menschen waren Männer?
Die veröffentlichten Auswertungen des Zentrums für Qualität in der Pflege und des Wissenschaftlichen Instituts der AOK unterscheiden bei der Nutzung solcher Hilfen nicht durchgängig zwischen Frauen und Männern.
Damit bleibt offen, ob Männer seltener Beratung suchen, andere Angebote bevorzugen oder Unterstützung genauso selbstverständlich annehmen wie Frauen.
Häufig wird vermutet, Männer wollten Probleme lieber allein lösen oder hätten größere Schwierigkeiten, Hilfe anzunehmen. Das mag auf einzelne Menschen zutreffen. Ein belastbarer Nachweis dafür, dass pflegende Männer generell später oder seltener Unterstützung suchen, ergibt sich aus den vorliegenden Untersuchungen jedoch nicht.
Bevor man erklären kann, warum Männer bestimmte Hilfen nicht nutzen, müsste man zunächst wissen, ob sie diese tatsächlich seltener nutzen.
In Grafing treffen sich Männer, die Angehörige pflegen
Dass ein eigener Zugang sinnvoll sein kann, zeigen Angebote, die sich ausdrücklich an Männer richten.
Im bayerischen Grafing organisiert die Caritas bereits seit 2014 einen monatlichen „Treffpunkt pflegende Männer“.
Hier können Männer über Erfahrungen sprechen, Schwierigkeiten schildern und sich gegenseitig unterstützen. Das Angebot richtet sich nicht nur an Männer, die Angehörige zu Hause versorgen. Auch wer einen Menschen im Pflegeheim begleitet oder einen pflegebedürftigen Angehörigen verloren hat, kann teilnehmen.
Der Treffpunkt berücksichtigt damit etwas, das im Pflegealltag leicht übersehen wird: Die Verantwortung endet nicht unbedingt mit dem Umzug ins Heim. Und auch nach dem Tod eines Angehörigen kann der Austausch mit Menschen hilfreich sein, die Ähnliches erlebt haben.
Die Nationale Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen (NAKOS) nennt solche Männergruppen ausdrücklich als besondere Form der Pflegeselbsthilfe.
Wer das Haus wegen seiner Pflegeverantwortung kaum verlassen kann, findet zudem digitale Austauschmöglichkeiten, etwa über die App „in.kontakt“.
Solche Angebote schaffen Begegnungsmöglichkeiten. Ob sie Männer besser erreichen als herkömmliche Beratungsstellen oder ihre Belastung langfristig verringern, ist allerdings noch nicht ausreichend untersucht.
Entlastung muss nicht vom Geschlecht abhängen
Dabei stehen pflegenden Männern grundsätzlich dieselben Leistungen offen wie Frauen.
Wer einen Angehörigen mit mindestens Pflegegrad 2 versorgt, kann beispielsweise Ersatzpflege organisieren, wenn die reguläre Pflegeperson verhindert ist. Die Pflegeversicherung beteiligt sich unter den gesetzlichen Voraussetzungen an den Kosten für bis zu acht Wochen im Kalenderjahr.
Auch Tages- und Nachtpflege kann die häusliche Versorgung ergänzen. Für Pflegebedürftige der Pflegegrade 2 bis 5 stehen dafür eigene Leistungen zur Verfügung, die zusätzlich zu Pflegegeld oder ambulanten Pflegesachleistungen genutzt werden können.
Solche Hilfen können Freiräume schaffen, die für pflegende Angehörige entscheidend sind: Zeit für Arztbesuche, Erholung, soziale Kontakte oder einfach einen Nachmittag ohne Pflegeverantwortung.
Ob Männer und Frauen diese Möglichkeiten gleichermaßen ausschöpfen, ist jedoch nicht hinreichend dokumentiert.
Nicht die Männer sind unsichtbar, sondern ihre Bedürfnisse
Mehr als jeder dritte pflegende Angehörige ist ein Mann. Trotzdem wissen wir wenig darüber, wie Männer vorhandene Beratungs- und Entlastungsangebote nutzen.
Dabei wäre die Frage durchaus praktisch relevant. Sollten Männer bestimmte Angebote tatsächlich seltener in Anspruch nehmen, könnten Beratungsstellen gezielter auf sie zugehen. Vielleicht wären andere Formen der Ansprache, besondere Gesprächsgruppen oder niedrigschwellige digitale Angebote hilfreich.
Vielleicht würde eine geschlechtergetrennte Auswertung aber auch zeigen, dass Männer Unterstützung keineswegs seltener nutzen, sondern lediglich andere Bedürfnisse haben.
Solange entsprechende Daten fehlen, bleibt beides offen.
Pflegende Männer brauchen keine vorschnellen Erklärungen darüber, warum sie angeblich ungern Hilfe annehmen. Zunächst müssen wir wissen, welche Hilfe sie tatsächlich erreicht – und welche nicht.
