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Japans Pflegelehre: Die Kosten verschwinden nicht

Japan begrenzte Leistungen, erhöhte Eigenanteile und verlagerte Prävention in die Kommunen. Die Evaluationen zeigen, wie schnell eine Entlastung der Pflegeversicherung zur Belastung für Familien oder Krankenhäuser werden kann.

Zeichnung: Im Wartezimmer einer orthopädischen Praxis sitzt ein Angehöriger in einer gewaltigen Rückenstütze, während die von ihm betreute ältere Person seine Jacke hält und den Anmeldebogen ausfüllt.

Im August 2015 verdoppelte Japan den Eigenanteil für Pflegeleistungen bei einer betroffenen Gruppe von zehn auf 20 Prozent. Grundsätzlich beträgt die Mitfinanzierung zehn Prozent; für Menschen mit niedrigem Einkommen gelten Belastungsgrenzen. Eine Studie stellte nach der Erhöhung eine geringere Nutzung von Langzeitpflegeleistungen fest. Eine Analyse des Policy Research Institute im japanischen Finanzministerium bewertete den Effekt im internationalen Vergleich jedoch als sehr klein und verwies auf die begrenzte Forschungslage.

2018 hob Japan den Eigenanteil für eine weitere Gruppe von 20 auf 30 Prozent an. Eine 2025 veröffentlichte Untersuchung mit 32.295 Personen verglich die Entwicklung vor und nach dem Eingriff mit einer Kontrollgruppe. Die Nutzung stationärer Pflegeleistungen ging in der betroffenen Gruppe zurück. Zugleich stiegen die Krankenhausausgaben.

Damit tritt der entscheidende Konflikt hervor: Eine Pflegekasse kann weniger ausgeben, obwohl die Versorgung insgesamt nicht billiger wird. Wandern Ausgaben ins Krankenhaus, ist ein Teil der Kosten lediglich an eine andere Stelle des Systems gerückt.

Die Rechnung erreicht die Familien

Nicht nur höhere Eigenanteile verändern, wer für Pflege bezahlt. Eine Reform von 2006 reduzierte die Leistungen für Pflegebedürftige mit geringerem Unterstützungsbedarf. Eine spätere Vergleichsstudie kam zu dem Ergebnis, dass unter ihren informell Pflegenden die Anteile mit schlechter Selbsteinschätzung der Gesundheit, depressiven Symptomen und Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems zunahmen.

Eine weitere japanische Studie verbindet finanzielle Belastungen von Familienpflegepersonen mit höherer Pflegebelastung und schlechterem Gesundheitszustand. Besonders betroffen waren Haushalte mit geringerem Einkommen, die Kosten der Langzeitpflege trugen.

Eine Begrenzung professioneller Leistungen beseitigt den Pflegebedarf nicht. Sie kann dazu führen, dass Angehörige mehr übernehmen – und den Preis nicht allein in Geld bezahlen.

Prävention verspricht einen anderen Weg

Japan setzte deshalb nicht ausschließlich auf Begrenzungen. Seit 2015 wurden bestimmte zuvor landesweit einheitliche Präventionsleistungen, darunter Besuchs- und Tagesangebote, in regionale Unterstützungsprogramme der Kommunen überführt. Eine dreijährige Längsschnittstudie in Taketa verglich Teilnehmende und Nichtteilnehmende einer kurzfristigen intensiven Präventionsleistung. Für die Teilnehmenden fielen pro Person rund 500.000 Yen weniger Pflegekosten an. Bei der Verhinderung einer Verschlechterung zeigte sich allerdings kein statistisch signifikanter Unterschied.

Das Ergebnis ist weder ein Beleg gegen Prävention noch ein Freibrief für beliebige Programme. Es zeigt vielmehr, dass geringere Pflegekosten und ein nachweisbar besserer gesundheitlicher Verlauf zwei verschiedene Maßstäbe sind. Für Veränderungen auf der Beitragsseite liegt zudem keine vergleichbar klare Wirkungsbilanz vor.

Übertragbar ist nicht das Modell, sondern der Prüfstein

Deutschland kann die japanischen Eingriffe nicht einfach kopieren. In Japan tragen lokale Behörden wesentliche Verantwortung für die Pflegeversicherung. Bedarfseinstufung und kommunal verantwortetes Care-Management sollen Dienste und Anbieter koordinieren. Deutschland organisiert die Versicherung dagegen über Pflegekassen und kombiniert Sachleistungen, Pflegegeld und Mischformen mit ambulanten, teil- und vollstationären Angeboten. Japan setzt stärker auf Dienste und Einrichtungen.

Übertragbar ist daher weniger eine einzelne Stellschraube als die Art, ihre Folgen zu beurteilen. Einkommensabhängige Eigenanteile lassen sich sozial begrenzen, können aber die Nutzung verändern. Leistungskürzungen können Angehörige stärker belasten. Kommunale Prävention kann Spielräume eröffnen, ohne dass jedes Programm automatisch Pflegebedürftigkeit verhindert und dauerhaft Geld spart.

Japans Erfahrung erweitert damit die deutsche Debatte über das bloße Gegenüber von höheren Beiträgen und geringeren Leistungen hinaus. Eine Reform spart erst dann, wenn ihre Bilanz auch Angehörige, Kommunen und Krankenhäuser einschließt – und die Rechnung nicht nur weitergereicht wird.

Quellen und weiterführende Informationen

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