Ende 1999 zählte Deutschland 2,02 Millionen Pflegebedürftige, Ende 2023 waren es 5,69 Millionen. Die Zahlen scheinen eine einfache Geschichte zu erzählen: Die Gesellschaft altert und wird pflegebedürftiger. Doch zwischen beiden Werten liegt eine Zäsur. Seit 2017 wird Pflegebedürftigkeit nach anderen Kriterien bemessen.
Damit zerfällt der scheinbare Beweis für immer kränkere Alte in drei Fragen: Erreichen mehr Menschen ein Alter mit hohem Pflegerisiko? Steigt der Pflegebedarf auch innerhalb einzelner Altersgruppen? Oder werden Beeinträchtigungen heute häufiger als Pflegebedürftigkeit anerkannt? Erst diese Trennung bringt die steigenden Zahlen mit den Befunden über länger gesunde ältere Menschen zusammen.
Das hohe Alter erklärt nicht alles
Wie steil das Risiko im Lebenslauf ansteigt, zeigt die Pflegestatistik für 2017. Von den 70- bis unter 75-Jährigen waren 6,4 Prozent pflegebedürftig, von den 80- bis unter 85-Jährigen bereits 23,3 Prozent. Unter den mindestens 90-Jährigen betraf es 70,7 Prozent der Männer und 74,9 Prozent der Frauen. Wenn mehr Menschen diese Altersstufen erreichen, wächst daher die Zahl der Pflegebedürftigen selbst bei unverändertem Risiko innerhalb jeder Altersgruppe.
Für den Anstieg von 2011 bis 2023 reicht diese Erklärung allerdings nicht aus. Nach einer Auswertung der BARMER erhöhte sich die Pflegequote in diesem Zeitraum um 3,03 Prozentpunkte. Davon entfielen 0,44 Prozentpunkte auf die veränderte Altersstruktur – rechnerisch rund 14,5 Prozent des Zuwachses. Der weitaus größere Teil blieb auch nach dem Herausrechnen dieses Alterungseffekts bestehen.
Dieser verbleibende Anstieg ist noch kein Beleg dafür, dass Menschen gleichen Alters häufiger oder schwerer erkranken. Denn in denselben Zeitraum fällt eine politische Entscheidung, die veränderte, wer in der Statistik überhaupt als pflegebedürftig erscheint.
Seit 2017 zählt Selbstständigkeit
Am 1. Januar 2017 traten ein neuer Pflegebedürftigkeitsbegriff und ein neues Begutachtungsinstrument in Kraft. Zuvor stand der Zeitaufwand für notwendige Hilfe im Vordergrund. Seither wird bewertet, wie stark Selbstständigkeit und Fähigkeiten beeinträchtigt sind. Dadurch weitete sich der Kreis der Anspruchsberechtigten erheblich aus.
Die Wirkung zeigte sich binnen Monaten: Bis Ende Juni 2017 erhielten etwa 350.000 Menschen mehr Leistungen der Pflegeversicherung als 2016. Die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages führten den Anstieg maßgeblich auf den geänderten Begriff zurück. Ende 2017 galten 3,414 Millionen Menschen als pflegebedürftig.
Die Pflegestatistik misst somit keine unveränderliche biologische Größe, sondern einen gesetzlich definierten Leistungsanspruch. Der neue Begriff erfasste Hilfebedarf, der zuvor nicht oder anders abgebildet worden war. Wer Zahlen vor und nach 2017 vergleicht, vergleicht deshalb nicht allein den Gesundheitszustand der Bevölkerung.
Mehr Pflegebedarf, kürzere schwere Phase
Dass ältere Menschen länger gesund bleiben können, widerspricht diesem Befund nicht. Im Deutschen Alterssurvey 2014 berichteten 68,9 Prozent der 40- bis 85-Jährigen eine gute funktionale Gesundheit. Bei den 66- bis 83-Jährigen lag dieser Anteil 2014 höher als 2008. Funktionale Gesundheit bezeichnet dabei die Fähigkeit, Anforderungen des Alltags selbstständig zu bewältigen; sie ist nicht mit einem fehlenden Hilfebedarf in jedem Lebensbereich gleichzusetzen.
Eine kleinräumige Analyse deutscher Pflegeversicherungsdaten führt die beiden Entwicklungen noch deutlicher zusammen. In der Mehrheit der untersuchten Landkreise weitete sich Pflegebedürftigkeit insgesamt aus. Zugleich konzentrierte sich schwere Pflegebedürftigkeit stärker auf eine begrenzte Phase. Mehr Menschen können demnach als pflegebedürftig erfasst sein, während die besonders belastende Zeit später beginnt oder kürzer ausfällt.
Pflegebedürftigkeit verändert sich damit nicht nur in ihrer Häufigkeit, sondern auch in ihrer Gestalt. Ein früher anerkannter, begrenzter Hilfebedarf und eine lange Phase schwerer Pflege sind statistisch beides Pflegebedürftigkeit – für Betroffene, Angehörige und Versorgungssysteme bedeuten sie jedoch etwas Unterschiedliches.
Das Pflegerisiko beginnt vor dem Alter
Wann der Hilfebedarf einsetzt, entscheidet sich zudem nicht allein am Geburtsjahr. Eine Analyse auf Grundlage des Sozio-oekonomischen Panels ergab, dass Männer mit hoher beruflicher Belastung im Durchschnitt 4,7 Jahre früher pflegebedürftig wurden als Männer mit niedriger Belastung. Bei Frauen betrug der Abstand 2,7 Jahre. Der Lebenslauf kann den Beginn der Pflegebedürftigkeit also um Jahre verschieben.
Für die Pflegeplanung genügt es deshalb nicht, eine steigende Gesamtzahl fortzuschreiben. Entscheidend ist, in welchem Alter Hilfebedarf beginnt, wie schwer er wird und wie lange er anhält. Die Millionenwerte markieren das Ausmaß der Aufgabe. Was hinter ihnen steckt, zeigt sich erst, wenn Alter, gesetzliche Anerkennung und Lebensverlauf getrennt betrachtet werden.
